Bewegungsmangel & Psychische Gesundheit
→ Hier geht´s zum Poster: Der Einfluss von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit erwachsener Menschen.
Einleitung
Das Bewegungsverhalten von in Deutschland lebenden Erwachsenen wird in regelmäßig stattfindenden Gesundheitsbefragungen erörtert. Im Fragebogen zur Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) wird hierzu unter anderem sowohl das Aktivitätspotential auf der Arbeit als auch in der Freizeit erfasst (vgl. Koch-Institut, 2017, S. 117). Zusätzlich werden körperliche Krankheiten, wie z. B. Rückenbeschwerden, die Folgen eines Schlaganfalls oder eines Herzinfarktes eingeschlossen (vgl. Koch-Institut, 2017, S. 106). Begrenzt auf den Bereich Antriebslosigkeit und Depression werden außerdem Fragen zur psychischen Gesundheit gestellt (vgl. Koch-Institut, 2017, S. 107 ff.).
Körperliche Aktivität wird definiert als jegliche Art von Bewegung, die, initiiert durch die Skelettmuskulatur, den Grundumsatz anhebt (vgl. Caspersen et al., 1985, S. 126). Bewegungsmangel und daraus resultierende Erkrankungen sind auf körperlicher Ebene bereits gut erforscht. So ist eine der Hauptursachen für Übergewicht und Adipositas unter anderem Bewegungsmangel (vgl. Hauner et al., 2013, S. 263). Infolgedessen entstehen eine vielzahl an körperlichen Begleiterkrankungen, wie z. B. Diabetis mellitus, Bluthochdruck oder Arterosklerose (vgl. Platte; Meule, 2016, S. 296) die jährlich indirekte Krankheitskosten in Höhe von 34 Mrd. Euro verursachen (vgl. Deutsche Adipositas Gesellschaft, 2023). Die Prävalenz von Aipositas hat in den letzten Jahren stetig zugenommen (vgl. Schienkiewitz et al., 2017, S. 21) und es existieren bereits zahlreiche Präventionsprogramme, um Betroffene zu einem gesünderen Lebensstil zu bewegen.
Ebenso hat die Verbreitung von psychischen Erkrankungen in Deutschland stetig zugenommen. In den Jahren 2000 bis 2021 stieg die Anzahl der arbeitsunfähigen Krankheitstage um 120 % (vgl. Grobe; Bessel, 2022, S. 26). Hierbei ist die am weitesten verbreitete psychische Erkrankung die Depression. In Deutschland liegt die 12-Monats Prävalenz der selbstberichteten diagnostizierten Depression bei 8,1 % in der Bevölkerung (vgl. Thom et al., 2017, S. 72 f.).
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bewegung und psychischer Gesundheit? Welche physiologischen Mechanismen spielen sich im Körper ab und wie beeinflusst körperliche Aktivität die Psyche? Das Ziel dieser Hausarbeit soll einen Aufschluss darüber geben, ob und wie Bewegungsförderung die Psyche beeinflusst. Vor diesem Hintergrund soll das Thema „Der Einfluss von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit erwachsener Menschen“ abgehandelt werden. Die Fragestellung hierbei ist, wie sich körperliche Aktivität auf die psychische Gesundheit erwachsener Menschen auswirkt. Diese soll im Folgendem beantwortet werden.
Theoretische Grundlagen
Jeder Vierte zwischen 18 und 64 Jahren bewegt sich zu wenig. Um diesem Problem entgegenzuwirken, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2020 neue Aktivitätsrichtlinien veröffentlicht, die auch Menschen mit chronischen Erkrankungen berücksichtigen.
Die neuen Empfehlungen lauten wie folgt:
- 150 bis 300 Minuten moderate bis intensive aerobe körperliche Aktivität pro Woche
-
Alternativ: 75 bis 150 Minuten intensive aerobe körperliche Aktivität pro Woche
Moderate Aktivitäten sind z. B. zügiges Gehen, Radfahren oder Tanzen. Intensive Aktivitäten umfassen Laufen oder Schwimmen. Wichtig ist, dass die Empfehlungen Mindestziele sind. Mehr Bewegung ist immer besser. Wird dieser Zeitrahmen unterschritten spricht man von einem Bewegungsmangel (vgl. Ärzteblatt, 2020). Als aerobe Aktivitäten werden alle Bewegung bezeichnet, in der die beteiligten Muskeln optimal mit Sauerstoff versorgt werden (vgl. Keller, 2022). Was bedeutet nun Gesundheit?
In der Vergangenheit gab es bereits mehrere Versuche, Gesundheit zu definieren. Es erscheint abwegig, die bloße Abwesenheit von Krankheit als solche abzugrenzen. Demnach ist es sinnvoll, definierte Aspekte zu unterscheiden, wie z. B. subjektives oder körperliches Wohlbefinden (vgl. Knappe; Wittchen, 2020, S. 31). Laut WHO ist Gesundheit ein „Zustand vollkommenen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, nicht nur definiert durch die Abwesenheit von Krankheit und Behinderung“ (Konstitution der Weltgesundheitsorganisation 1958 z. n. vgl. Knappe; Wittchen, 2020, S. 31). Was sind dann psychische Erkrankungen?
Psychische Erkrankungen bzw. psychische Störungen lassen sich ebenso wenig eindeutig definieren. Im Laufe eines Lebens entstehen unterschiedliche Anforderungen und Herausforderungen, die ein Mensch bewältigen muss. Schafft er es, diese in seinem Alltagsleben zu meistern, wird er als psychisch gesund eingestuft. Sobald allerdings Verhaltens- und psychische Probleme die Fähigkeiten des Menschen zu oft oder zu lange beeinträchtigen, so dass er seinen täglichen Anforderungen nicht mehr gerecht wird, wird beim Vorliegen bestimmter Kriterien von einer psychischen Störung bzw. Erkrankung gesprochen (vgl. Wittchen et al., 2020, S. 7 ff.).
Um die Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren, hat die Bundesregierung bereits Präventionsmaßnahmen unterstützt und auch selbst gestartet. Bewegungsprävention sollte im Kindergartenalter beginnen. Dies hat Professor Dr. Helge Hebestreit der Universität Würzburg zusammen mit Kollegen und Kolleginnen und mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zum Anlass genommen, das Präventionsprogramm „Prävention durch Aktivität im Kindergarten“ zu entwickeln und ein Jahr lang an Würzburger Kindergärten zu testen mit dem Erfolg, dass sich das Aktivitätsverhalten und die motorischen Fähigkeiten verbessert haben (vgl. Aus der Forschung 2010, o. J.). Das durch die Siemens-Betriebskrankenkasse in Kooperation mit der Stiftung Kindergesundheit entwickelte bundesweite Programm „TigerKids“ wird seit 2019/2020 zur Stärkung der Gesundheit der Kinder kostenfrei angeboten. Hier wird den Kindern auf spielerische Weise unter anderem der Bereich Bewegung näher gebracht (vgl. NRW, 2024). Der im Jahr 2007 beschlossene nationale Aktionsplan IN FORM, der untere anderem zur Prävention von Bewegungsmangel dient, beinhaltet die zentralen Handlungsfelder „1. Vorbildfunktion der öffentlichen Hand, 2. Bildung und Information über Ernährung, Bewegung und Gesundheit, 3. Bewegung im Alltag, 4. Qualitätsverbesserung bei der Verpflegung außer Haus, 5. Impulse für die Forschung“, und soll die in Deutschland lebenden Menschen auf eine gesündere Lebensweise aufmerksam machen (vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft , 2008).
Diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, die Gesundheitskompetenz zu stärken, zu einem besseren Gesundheitsverhalten zu führen und dadurch das körperliche und psychische Wohlbefinden zu verbessern. Wie nötig diese Maßnahmen sind, zeigen die in den folgenden Kapiteln dargestellten Verbreitungen von Bewegungsmangel und Depression.
Gesundheitliche Auswirkungen
Biologisch betrachtet ist der Mensch für ein hohes Maß an körperlicher Bewegung ausgelegt. Überlebenswichtige evolutionäre menschliche Aktivitäten wie jagen oder kämpfen, aber auch die Bildung sozialer Gemeinschaften sind hiermit verbunden. Die Entwicklung der Digitalisierung hat der Bewegungsarmut Vorschub geleistet. Bemühungen, Menschen zu mehr Aktivität zu motivieren laufen unter anderem deswegen ins Leere, da die Bewegung als solche als Begleitphänomen betrachtet wird, und nicht als bewusstes Ziel (vgl. Pawlik, 2021, S. 8 f.). Somit können dem Bewegungsmangel eine Reihe von körperlichen und neurokognitiven Erkrankungen folgen (vgl. Miko et al., 2020, S. 184).
Köperliche Auswirkung
Weltweit hat körperliche Inaktivität eine große gesundheitsschädigende Wirkung. So gibt es eine hohe Evidenz dafür, dass Bewegungsmangel das Risiko an nichtübertragbaren Krankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Brust- und Dickdarmkrebs oder Typ-2-Diabetes, zu erkranken erhöht. Des Weiteren besteht eine Verbindung zu vermehrter vorzeitiger Sterblichkeit (vgl. Lee et al., 2012 z. n. vgl. Finger et al., 2017, S. 37). Durch den Bewegungsmangel entsteht Übergewicht bis hin zur Adipositas. Im Rahmen dieser Erkrankung lagert sich Fettgewebe im Körper ein, das Hormone produziert, die unter anderem das Immunsystem beeinträchtigen und die oben genannten Krankheiten induzieren oder zum metabolischen Syndrom führen können. Das metabolische Syndrom ist eine Kombination aus Faktoren, die das Risiko für Arteriosklerose und koronare Herzkrankheit stark erhöhen. Kennzeichen sind hierbei erhöhter Blutdruck, erhöhte Blutfettwerte, vermindertes HDL-Cholesterin und erhöhter Blutzucker (vgl. Platte; Meule, 2016, S. 296).
Psychische Auswirkung
In der Diagnostik und Therapie der chronisch degenerativen Erkrankungen wird das Gehirn als betroffenes Organ in der Regel außen vorgelassen, obwohl es für die Steuerung des Verhaltens zuständig ist. Der Lebensstil, die Bereitschaft an der Therapie mitzuwirken und die psychische Widerstandskraft, die Resilienz, werden durch die höchsten kognitiven Funktionen gesteuert. Körperliche Bewegung regt die Kognition an. Über die Bewegungsregulation, den Antrieb, das Interesse, die Motivation und die Leistungsbereitschaft muss ständig entschieden werden, um eine Orientierung im Raum zu erhalten, die Bewegungsabfolge zu regulieren und im Kontext der Umwelt zu vollziehen. Sämtliche Stimuli, wie die Sensorik des Gleichgewichtsorgans oder des visuellen Systems und muskuläre Aktivitäten müssen im cerebralen System verarbeitet werden. Physische Inaktivität führt sowohl in der kindlichen Entwicklung als auch im Erwachsenenalter zu einer unzureichenden und negativen Beanspruchung und funktionellen Einbußen der Hirnstrukturen (vgl. Laube, 2023, S. 6 f.). Die Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin haben ein Einfluss auf die psychische Befindlichkeit eines Menschen. Sie gehören alle zur Gruppe der Monoamine. Noradrenalin und sein Einfluss auf die Entwicklung einer Depression ist nicht ausreichend belegt (vgl. Schandry, 2016, S. 496 ff.). Dopamin wird eher den Schizophrenen Störungen zugeordnet. Aufgrund seiner großen Bedeutung für die Steuerung des Verhaltens wird im nächsten Abschnitt intensiver auf das Serotonin eingegangen (vgl. Schandry, 2016, S. 497 ff.).
Physiologische Auswirkung
Serotonin
Mitte der 1990er-Jahre stand das Modell der Monoamin-Mangel-Hypothese im Vordergrund. Demnach besteht bei einer Depression ein Mangel an Neurotransmittern, wie Serotonin oder Noradrenalin, im synaptischen Spalt. Bis heute sind Antidepressiva, die die Aufnahme der Neurotransmitter im synaptischen Spalt hemmen und so zu einer Erhöhung der Konzentration dieser führen, eine klassische pharmakologische Behandlungsmethode (vgl. Schulz et al., 2011, S. 56). Serotonin ist an der Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus, die Schmerzwahrnehmung, die Wahrnehmung von Hunger und Durst und der emotionalen Befindlichkeit beteiligt (vgl. Schandry, 2016, S. 97). Laube (2023) fasst zusammen, dass Bewegungsmangel zu einer verminderten Nutzung der Anforderung an Aufmerksamkeit führt. Dies wiederrum mindert die Produktion von Serotonin und kann so eine Depression auslösen (vgl. Laube, 2023, S. 78 f.). Wie Greenwood und Fleshner (2011) in ihrem Review herausgefunden haben, reduziert freiwillige Bewegung serotoninabhängige Verhaltensfolgen von Stress bei Nagetieren, was die Hypothese stützt, das körperliche Aktivität die Stressresistenz erhöht.
Myokine und BDNF
Psychischer Stress fördert Entzündungsreaktionen im Körper, die die Entwicklung von Depressionen und Ängste fördern (vgl. Laube, 2023, S. 233). Ein deutlich erhöhter Spiegel von Entzündungsfaktoren ist bei chronisch-degenerativen Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu finden. Typisch hierfür ist die Arteriosklerose (vgl. Laube, 2023, S. 241). Insbesondere stehen hier der Tumornekrosefaktor-α (TNF-α) und sein nicht löslicher Rezeptor Nicht-Myokin IL-6 im Vordergrund, die in einem Netzwerk von pathologischen Reaktionen gesehen werden (vgl. Tedgui; Mallat, 2006 z. n. vgl. Laube, 2023, S. 241). Als Marker wird das Nicht-Myokin IL-6 z. B. für das metabolische Syndrom herangezogen (vgl. Laube, 2023, S. 241). Die Gegenspieler für diese Entzündungsfaktoren sind die in der aktiv bewegten Muskulatur produzierten Stoffe, die Moykine. Diese tragen bei einer psycho-physischen Belastung zu einer gesteigerten Gedächtnisleistung, Neurogenese und neuronalen Schutz bei und fördern die kognitiven Funktionen (vgl. Laube, 2023, S. 13, 82 ff.). Zusätzlich stimulieren sie zusammen mit dem Gehirn den Signalstoff brain derived nerve factor (BDNF), dem ein antidepressiver Effekt, die Stimulierung der Neurogenese im Hippocampus und eine positive Wirkung in Bezug auf die Resilienz zugeschrieben wird (vgl. Laube, 2023, S. 90). Paradoxerweise führt ein Anstieg des Myokin und ein Abfall des BDNF zu Degeneration der Nervenzellen in den verschiedenen Regionen des Hippocampus. Eine deutliche Degeneration führt zu Depressionen (vgl. Eldomiaty et al. 2017, 2020 z. n. vgl. Laube, 2023, S. 41).
Was die aktuelle Forschung sagt
Wie sich Bewegung auf die psychische Gesundheit bei erwachsenen Menschen auswirkt, ist in den letzten Jahren vermehrt Gegenstand von Untersuchungen geworden. Neben Längsschnittstudien, die nachfolgend das Wohlbefinden beobachten, sind insbesondere Interventionsstudien, die den Einfluss von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit herleiten, von großer Bedeutung. Hierbei werden die Ergebnisse von Metaanalysen gebündelt und in Effektstärken ausgedrückt (vgl. Sudeck; Thiel, 2020, S. 560 f.). Diese reichen jedoch von einer geringen, nicht signifikanten Effektstärke bis zu einem hohem Effekt. Das liegt unter anderem darin begründet, dass in vielen der Ergebnisse inkonsistente Effekte beschrieben werden, die auf die jeweiligen methodischen Standards und Einschlusskriterien zurückzuführen sind. Insbesondere trifft dies auf die Erfassung einer depressiven Symptomatik, wie beispielsweise Selbst- oder Fremdbeurteilung, zu (vgl. Oertel et al., 2023, S. 19 f.). Auch das selbstbeurteilte Aktivitätsverhalten weist eine hohe Ungenauigkeit durch Unter- oder Überschätzung auf (vgl. Gabrys, 2017, S. 69). Dennoch deuten die Untersuchungen darauf hin, dass körperliche Aktivität zu positiven biologischen und psychologischen Effekten, wie hirnphysiologische Veränderungen, Veränderung im Selbstwert und Verbesserung des subjektiven Wohlbefinden führt (vgl. Oertel et al., 2023, S. 14). Schlussfolgernd reduziert Bewegung, wenn sie moderat-intensiv ausgeführt wird, depressive Störungen (vgl. Hautzinger; Wolf, 2012 z. n. vgl. Fuchs; Klaperski, 2018, S. 217 f.).
An einer Depression erkrankte Patienten haben oft Schwierigkeiten, körperliche Aktivität zu initiieren, obwohl sie im Nachhinein selbst davon profitieren. Die sportliche Betätigung lenkt sie von Grübeleien ab und baut Anspannungen ab (vgl. Oertel et al., 2023, S. 19 f.). Viele depressive Patienten zeigen ein Verhalten, welches ihre körperliche Gesundheit negativ beeinflussen kann. Geringere Motivation und mangelnde Bewegung können die Entstehung von körperlichen Krankheiten und Einschränkungen fördern (vgl. Weyerer, 2017, S. 17).
Die Motivierung kann dabei von außen und von innen initiiert werden. Äußerliche Motivierung geschieht oftmals über Ärzte, Lehrer oder Eltern, am häufigsten über Wissensvermittlung. Im therapeutischen Kontext zielen psychologische Techniken auf eine Verhaltensänderung ab. Freunde und Familienangehörige führen als nahe Bezugsperson zu einer intrinsischen Motivation, im Sinne eines Lern- oder Sozialisationsprozesses. Ebenso zählen Selbstmotivationstechniken zu den inneren Motivatoren (vgl. Wasserkampf; Kleinert, 2017, S. 110). Maßnahmen zur Förderung von körperlicher Aktivität, wie die Bewegungsberatung oder der durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und durch das Bundesministerium für Gesundheit Deutschlands initiierte nationale Aktionsplan IN FORM sollen die Menschen auf mehr Bewegung aufmerksam machen (vgl. Jordan et al., 2011, S. 74 ff.).
Wie Eingangs bereits erwähnt gibt es mittlerweile zahlreiche Untersuchungen in Form von Studien, Metaanalysen oder Reviews. Inwieweit diese den Einfluss von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit erwachsener Menschen erklären können, soll im Folgenden anhand von sechs ausgewählten Ausarbeitungen dargestellt werden.
Der aktuelle Forschungsstand spiegelt den physiologischen Hintergrund wider. So wurden vor rund zwei Jahrzehnten humorale Faktoren, Zytokine, gefunden, die durch das Zusammenziehen von Muskulatur produziert und freigesetzt werden und eine metabolische Wirkung auf Gewebe und Organe haben. In den Jahren danach wurden mehrere Zytokine, im Folgenden als Myokine bezeichnet, gefunden, wobei insbesondere das Myokin-IL-6 als ein wichtiger Akteur im Stoffwechsel identifiziert werden konnte. Dieses zeigte während des Trainings einen konsistenten Anstieg. Hierbei stellten die Forscher fest, dass ein im Muskel produziertes Myokin keine Entzündungsreaktion im Körper auslöste, ist der Ursprungsort jedoch eine Makrophage führte dies zu einer Entzündungsreaktion (vgl. Pedersen; Febbraio, 2008 z. n. vgl. Pedersen, 2011, 339). Pedersen (2011) fasst zusammen, dass neuere Ergebnisse darauf hindeuten, dass körperliche Aktivität das Bauchfett reduziert, was wiederrum ein niedriges Entzündungslevel hervorruft, und so die positive Wirkung von Bewegung bei chronisch erkrankten Patienten erklären kann. Zusätzlich, so erklärt er, scheint es einen Zusammenhang zwischen vermehrtem Bauchfett und kognitiven Rückgang zu geben (vgl. Pedersen, 2011, S. 340). Dieser Einfluss des Myokin-IL-6 konnte durch weitere Untersuchungen belegt werden. Des Weiteren wird geschlussfolgert, das der Faktor in Bezug auf das Gehirn eine hemmende Wirkung auf den Appetit hat (vgl. Severinsen; Pedersen, 2020, S. 597 f, vgl. Severinsen; Pedersen, 2020, S. 602). Pedersen (2011) zeigt weitere Studien auf die belegen, dass es positive kognitive Effekte zwischen Bewegung und der Neurogenese der hippocampalen Region gibt. Hierbei konnte der BDNF als ein Faktor identifiziert werden, der in der Skelettmuskulatur exprimiert wird. Patienten, die an einer schweren Depression leiden, weisen unter anderem einen niedrigen BDNF-Serum-Spiegel auf. Untersuchungen belegen, dass körperliche Bewegung diesen Spiegel erhöhen kann. Das Gehirn produziert ebenfalls BDNF, Ergebnisse von Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass das Gehirn durchaus einen essentiellen Beitrag dazu leistet, jedoch nicht die einzige wichtige Strukur im menschlichen Körper ist (vgl. Pedersen, 2011, S. 338 ff.). In der Folge stellt BDNF einen Wachstumsfaktor für den Hippocampus dar (vgl. Severinsen; Pedersen, 2020, S. 597).
Das Serotonin konnte ebenfalls mit Bewegung in Verbindung gebracht werden. Als Vorläufer von Serotonin wurde in einer Studie das Tryptophan untersucht. Das Ergebnis zeigt auf, dass bei älteren Menschen wiederholte aerobe Übungen eine Erhöhung des Tryptophan hervorruft. Diese Daten stützen die Hypothese der Autoren, dass die wiederholte Erhöhung des Tryptophans eine antidepressive Wirkung hervorruft (vgl. Melancon et al., 2014, S. 1253 ff.).
In der Vergangenheit wurden einige Studien zu Bewegung und die Auswirkung auf die psychische Gesundheit durchgeführt. Diese wurden beispielsweise in einer Metaanalyse von Netz et al. (2005) zusammengefasst und untermauern die Auswirkungen der physiologischen Vorgänge, die während einer moderaten körperlichen Aktivität stattfinden. In den 36 Originalstudien lag das Alter bei der Mehrheit der Teilnehmer zwischen 54-74 Jahren (vgl. Netz et al., 2005, S. 275). Dies entspricht der Jahrgänge in Deutschland, die die höchste 12-Monats-Prävalenz der selbstberichteten diagnostizierten Depression aufweist. Im Ergebnis konnten Netz et al. unter anderem feststellen, dass ein kleiner signifikanter Effekt zwischen Bewegung und psychischen Wohlbefinden bei Erwachsenen ohne psychische Erkrankung vorliegt (vgl. Netz et al., 2005, S. 280 f.). Des Weiteren identifizierten sie eine weitere narrative Literaturanalyse von Dunn et al. (2001), die im Ergebnis eine signifikante Verringerung einer depressiven Symptomatik bei aerobem Training aufzeigte (vgl. Dunn et al., 2001 z. n. vgl. Netz et al., 2005, S. 280).
Eine weitere Untersuchung wurde im Rahmen einer Meta-Analyse durch Arent et al., 2000, durchgeführt. Hierbei wurden 32 Studien eingeschlossen, die bestimmte Kriterien erfüllten. Diese waren unter anderem ältere Probanden im Alter zwischen 60-65 Jahre (vgl. Arent et al., 2000, S. 411 f.). Im Ergebnis konnte ein konsistenter signifikanter Effekt für Bewegungsprogramme ermittelt werden. Dabei schienen diese Effekte auf die Stimmung auch mit Bewegung verbunden zu sein, die weniger als 3 Tage pro Woche durchgeführt wurden, für mehr als 45 Minuten oder basierend auf den Bedürfnissen der Teilnehmer ausgerichtet waren. Hierbei wurden die Übungen mit niedriger bis mittlerer Intensität durchgeführt (vgl. Arent et al., 2000, S. 421 ff.).
Eine neuere Metaanalyse bestätigt die Ergebnisse von Arent et al. und Netz et al.. Die Arbeiten von Ledochowski et al., 2017, zeigen ebenfalls, dass körperliche Aktivität die Symptomatik depressiver Erkrankungen mindern und die affektive Befindlichkeit steigern kann (vgl. Ledochowski et al., 2017, S. 767). Zusätzlich empfehlen sie die Integration von Bewegung in die Behandlung depressiver Patienten, insbesondere im Hinblick auf die durch die somatischen Komorbiditäten bedingte verfrühte Sterblichkeit (vgl. Ledochowski et al., 2017, S. 775).
Wie die Untersuchungsergebnisse der Studien beschreiben, ist Bewegung wichtig, allerdings in moderater Aktivität.
Therapieansatz
Bewegung als Empfehlung wird allzu häufig nur für körperliche Leiden geraten. Dies sollte ebenfalls für das seelische Wohlergehen getan werden. In der klinischen Praxis stehen, wenn dieses Thema angestoßen wird, oftmals nur organische, skelettale oder Erkrankungen aus dem adipösen Komplex im Vordergrund. In Behandlungsmaßnahmen sollte vermehrt auf die symptomatische Verbesserung psychischer Erkrankungen durch Bewegung hingewiesen werden. Die Bewegung als Ersatz für die pharmakologische Therapie könnte ein Motivator sein, an einer Depression erkrankte Menschen zu mehr Bewegung zu animieren. Für Fachkräfte, wie Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten, die eng mit psychisch erkrankten Menschen zusammenarbeiten, sollte dieser wichtige Hintergrund vermittelt werden. Aussagen, die bewegungsmotivierend sein sollen, können mit dem Hintergrundwissen zu den physiologischen Auswirkungen und der Studienlage eine ganz andere Kraft entwickeln und zu mehr Gesundheitskompetenz führen. Hierbei könnte ein Arzt die Bewegungsberatung bewusst in seine Sprechstunde aufnehmen. Eine Pflegefachkraft kann im Zusammenhang mit der getätigten Aussage dem Betroffenen dieses Wissen vermitteln, um ein Verständnis für die positiven Auswirkungen von Bewegung zu vermitteln. Ein Therapeut kann in seiner therapeutischen Intervention nicht nur sein Bewegungsprogramm abhandeln, sondern angepasst und bewusst moderate Aktivitäten durchführen. Grundsätzlich sollten die Menschen in ihrem Wissen über die eigenen Möglichkeiten gestärkt und dadurch zu einem gesünderen Lebensstil hingeführt werden. Die Erkenntnis über den wechselseitigen Einfluss von körperlicher Aktivität und seine Auswirkung auf den Körper und die Psyche kann sie so zu einem besseren Gesundheitsverhalten führen.
Fazit
Bewegungsmangel und Depressionen sind in Deutschland weit verbreitet und die daraus entstehenden Kosten für das Gesundheitssystem nehmen einen ebenso hohen Stellenwert ein. Wie sich körperliche Aktivität auf die psychische Gesundheit auswirkt, kann anhand der Literaturanalyse beantwortet werden. Somit hat Bewegung, ob als Bewegungsmangel oder durch Ausdaueraktivität, einen Einfluss auf die mentale Gesundheit. Die physiologischen Hintergründe deuten darauf hin, dass hierbei das Hormon Serotonin und die Botenstoffe Mykin und BDNF eine positive Wirkung auf die cerebralen Strukturen ausüben, dieses belegen wissenschaftliche Erkenntnisse. Wie die Studienlage weiter aufzeigt, ist insbesondere moderat durchgeführte körperliche Aktivität essenziell für die Entwicklung und Beibehaltung einer optimalen psychischen Gesundheit. Angebote wie Bewegungsberatung durch die Ärzte und groß angelegte Maßnahmen durch die Bundesregierung, die die Menschen zu einem gesünderen Lebensstil hinführen sollen, zeigen insofern eine Auswirkung, dass die Beratungen, Gesundheitsförderungen und Präventionsmaßnahmen mit dem gewünschten Ergebnis umgesetzt werden. Schlussfolgernd lässt sich also feststellen, dass sich körperliche Aktivität positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. Insbesondere scheinen die Depression in Verbindung mit Bewegungsmangel zu stehen. Zukünftig sollten in Befragungen bewusst Depressionen und Bewegungsaktivität kombiniert werden, um besser abschätzen zu können, wie sich die genannten Maßnahmen auswirken.
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22.09.2026